Alles neu macht der Mai
Jagdgeschichten

Alles neu macht der Mai

Text: Carola Rathjens
Bilder: Carola Rathjens & Christoph Jäckle

Jeden ersten Mai quäle ich mich morgens aus dem Bett. Jede Faser meines mittlerweile sehr rubensähnlichen Körpers schreit nach einer waagerechten Position und ich möchte dem sooo gern nachgeben.

Aber nein, mit Schwung befördere ich mich und die müden Knochen in die Senkrechte und wackele mit verquollenen Augen und derangierten Haaren die erste Runde mit dem Hund. Im Dunkeln. Besser für die Mitmenschen.

Als Vogelscheuche oder ehrenamtlicher Erschrecker in der Geisterbahn könnte ich in diesem frühen Zustand des Tages wahrscheinlich größte Summen an Geld verdienen. Aber wie heißt es so schön, wer morgens verknittert aufwacht, hat den ganzen Tag Zeit, sich zu entfalten… Genau mein Humor.

Mein allererster erster Mai war unglaublich aufregend. Das war vor 18 Jahren und ich auch noch etwas frischer. Aufstehen fiel nicht ganz so schwer und ich hatte auch noch nicht gleich in den ersten 8 min auf dem Hochsitz das dringende Bedürfnis, es mir irgendwie so bequem auf dem Sitz zu machen, um noch weiterschlafen zu können.

Ich kann mich immer noch an den Ausblick von Sitz erinnern, ich kann immer noch die Geräusche hören und auch das Gras und den frischen Duft am Morgen riechen. Natürlich wollte ich an diesem ersten 1. Mai Beute machen, aber ich war auch ein bisschen erleichtert, dass sich die Chance nicht bot. Die Aufregung war überwältigend.

Ich denke, das war der Start meiner 1. Mai-Tradition: früh aufzustehen, den Vögeln beim Aufwachen zuhören und mit sauberen Händen beim Frühstück zu erscheinen.

Diese Tradition macht das Leben so viel entspannter! Im Gegensatz zu vielen Mitjägern habe ich zum Start der Saison überhaupt keinen Druck. Ich steh halt auf und spiel mit, aber ich erwarte nix.

In diesem Jahr war alles anders.

Die letzten 14 Jahre habe ich durchaus ein klitzekleines bisschen „Augenpflege“ auf dem Sitz machen können, ich hatte ja Rudi.

War jagdbares Wild in der Nähe, wurde ich sanft angestupst und geweckt. Reichte das Stupsen nicht aus, rammte er sein Gebiss zärtlich in meinen Arm - und glauben Sie mir, davon wachen Sie definitiv auf! Diese Zusammenarbeit hat bestens funktioniert.

Leider verließ Rudi uns letztes Jahr knapp vor Weihnachten zu seiner letzten Jagd im Himmel.

Wie soll das nur werden am Mittwochmorgen?

Foto: Christoph Jäckle

Im April blieb mir nicht viel Zeit, um darüber nachzudenken, wie sehr der schwarze Teufel mir wohl fehlen würde. Wir bekamen die Möglichkeit, in einem Revier einen Begehungsschein zu bekommen. So nutzten wir die ersten Tage im April, um Plätze für Kanzeln auszukundschaften, die Lebensgefahr war beschäftigt mit dem Bau von Sitzen und ich mit dem Führen der Oberaufsicht. Arbeitsteilung ist ja so wichtig…

Auch für mich eine tolle neue Erfahrung, hatte ich doch noch nie ein Revier neu „möbliert“ und genau untersucht, wo wohl ein Sitz oder eine Salzlecke oder eine Kirrung sinnvoll wäre. Gemeinsam mit Philipp habe ich bis jetzt immer nur in Revieren gejagt, wo er sich bereits bestens auskannte. Dieses ist für uns beide ein Sprung ins kalte Wasser. Aufregend.

Philipp baute 10 Ansitzeinrichtungen und obwohl wir an zwei Wochenenden nicht zu Hause waren, schafften wir es, bis zum 28. April alle Sitze zu stellen, zu verkleiden und dazu passend Salzlecken einzurichten. Ehrlicherweise bin ich sehr stolz auf meine sehr viel bessere und handwerklich so schlimm begabte Hälfte.

Und dann war es so weit.

Das schlimme Geräusch durchbrach die Stille des Schlafzimmers jäh. Ich denke an Edgar. Ihm wäre das nicht passiert. Dieser Hund war morgens so unfassbar fröhlich und wach, dass ich es kaum ertragen konnte. Er ist letztes Jahr im Sommer als erster zu seiner letzten großen Jagd aufgebrochen. Waren letztes Jahr um diese Zeit noch 3 Hunde unter der Decke zu finden, musste ich in diesem Jahr nur den grenzdebilen Terrier hervorpuhlen. Um so wenig Licht wie möglich an meine Augen und entsprechend auch an mein Hirn zu lassen, öffne ich die Lider nur zu einem sehr schmalen Schlitz. Der Terrier und ich verschwinden nach draußen.

Philipp sucht die Waffen zusammen, richtet das Frühstück für den Hund her und wartet geduldig, bis ich das erste Wort spreche. Er WEISS, vorher braucht er mich nicht anzusprechen. Alles einsteigen und los geht die wilde Fahrt.

Etwa 15 min später kommen wir im neuen Revier an. Gar nicht so einfach, sich im Dunkeln zurechtzufinden und sich vor allem daran zu erinnern, wo der Sitz denn nun stand. Zu meinem eigenen Erstaunen wurde ich gar nicht müde und blickte aufmerksam wahlweise durch Wärmebildgerät und Fernglas, um ja keine Chance zu verpassen.

Aber wie gut, es kam keine und ich musste mit meiner liebgewonnenen Tradition nicht brechen. Mit sauberen Händen zum Frühstück nach Hause. Läuft!

Nach dem gemeinsamen Frühstück, Grillen und Kuchen schnabulieren im Wald mit unseren Jagdfreunden geht es wieder raus. Neuer Sitz, neues Glück. Ich denke an die Dackel und hoffe insgeheim, dass sie mir von da oben vielleicht irgendwie ein Reh vorbeischicken könnten. Bei dem Gedanken daran muss ich schmunzeln.

Edgar, höchstwahrscheinlich übermotiviert, voller Tatendrang und Enthusiasmus, sucht, freut sich, rennt und Rudi, der König, ist genervt von dem fröhlichen Vasall, hält die Nase in den Wind, um dann zielstrebig in irgendeinen Busch zu stürmen und alles darin befindliche herauszuschmeißen.

Eine kleine Träne läuft mir die Wange herunter. Dann sehe ich im Augenwinkel eine Bewegung. War das die Träne oder was anderes? Vorsichtig nehme ich das Wärmebildgerät hoch. Oh, eine Silhouette von einem Reh. Aber was ist es? Ich tausche gegen das Fernglas. Hah! Ein Schmalreh. Das würde ja passen! Ganz verträumt tüdelt es zwischen den Buchen umher und will aus dem Wald in die Wiese wechseln.

Ich suche nach einer passenden Lücke. Da nicht, hier nicht, da auch nicht. Plötzlich kommt Bewegung in die ganze Geschichte, ein zweites Stück Rehwild taucht für mich aus dem Nichts auf und rumpelt mit dem Schmalreh zusammen den Hang hinunter. Sie drehen eine Runde in gestrecktem Galopp durch die Stangen und sind dann verschwunden.

Ich muss wieder schmunzeln und denken, dass meine Dackel von oben es wohl ein bisschen zu gut gemeint haben. Aber oh, die zwei Rehe kommen zurück!

Nun heißt es aufpassen, denn die Waldkante ist auch die Grenze. Das zweite Stück ist ein Jährlingsbock, aber er ist zu flott unterwegs und lässt sich auch nicht von meinem Pfiff beeindrucken. Er steht schon halb auf der Wiese. Das Schmalreh jedoch wird langsamer und bleibt stehen.

Was für eine Freude! Nicht nur darüber, dass es zum dritten Mal in 18 Jagdjahren geklappt hat, am ersten Mai (und der ist ja eigentlich ganztägig) ein Stück Wild zu strecken, sondern auch und vor allem darüber, das erste Stück im neuen Revier erlegt zu haben.

Alles neu macht der Mai - neue Saison, neues Revier und ein neuer kleiner Hund, den wir am ersten Wochenende im Mai abholen dürfen. Wenn das kein guter Anfang ist!


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