Das Glück ist mit dem Tüchtigen!
Jagdgeschichten

Das Glück ist mit dem Tüchtigen!

Text: Holger Grimm
Bilder: Christine Grimm

Der Monat Januar neigte sich dem Ende entgegen und trotz aller Bemühungen war es meiner Frau Christine auch in diesem Jagdjahr noch nicht vergönnt, ihren großen Traum zu erfüllen, einen mehrendigen Hirsch zu erlegen.

Besonders schwierig war dieses Bemühen in dem Wissen, dass dies die letzte Schalenwildsaison in diesem Revier sein wird und damit auch die Gelegenheiten erst einmal sehr begrenzt sein werden.

Wir wollten also nichts unversucht lassen und gingen im Monat Januar fast täglich auf den Ansitz, auch der Tatsache geschuldet, dass der Abschussplan noch nicht ganz erfüllt wurde.

Natürlich kennen wir die Gegebenheiten, Einstände und auch den Bestand im Revier sehr gut und wussten, wo sich die entsprechenden Kandidaten aufhalten. Im Anblick hatte Christine diese auch oft, jedoch immer außer Reichweite oder ohne Kugelfang.

Die Hoffnung, dass sich einer der Hirsche einmal näher zur Kanzel bewegen würde, schwand mit jedem Ansitz dahin. Es musste also eine andere Strategie her.

Genau auf der anderen Seite der besagten Dickung stand schon seit Jahren eine Eisenleiter, welche nie genutzt wurde. Der Angang dahin ist recht beschwerlich und es war auch schwierig unbemerkt dorthin zu gelangen.

Allerdings stand die Leiter taktisch sehr günstig und könnte die Chance auf Erfolg erhöhen, stand sie doch genau mittig gegenüber der Dickung und mit guten Schussdistanzen, sollte einer der Hirsche auf dieser Seite austreten.

Am letzten, für uns möglichen Tag im Januar, wollten wir noch einmal rausgehen und ich sprach Christine auf die Möglichkeit dieser Leiter an. Sie entschloss sich sofort dazu, waren all die vielen Ansitze der letzten Tage und Wochen doch etwas frustrierend, stets mit Anblick und traumhaft schön, aber nie mit der Möglichkeit auf Jagderfolg.

Gesagt, getan, setzte ich Christine am Pirschweg ab und fuhr selbst zu einer Kanzel am anderen Ende des Revieres.

Christine ist eine Meisterin des Pirschens und so gelang es ihr, unbemerkt die Leiter zu erklimmen.

Nach gar nicht langer Zeit konnte sie in der Dickung einen großen schwarzen Batzen ausmachen, welcher aber schnell wieder verschwand.

Dennoch war sie bereits jetzt zuversichtlich und freute sich über den ungewöhnlichen Anblick bei bestem Büchsenlicht.

Auf meiner Seite tat sich dagegen nichts und ich entschloss mich, die letzte Stunde bis zur Dunkelheit zu pirschen. Meine Gedanken waren bei Christine und ich drückte ihr die Daumen, hatte sie den Erfolg doch so sehr verdient, nach den zahlreichen Versuchen und der Beharrlichkeit.

Wenige Minuten später vibrierte mein Telefon in der Tasche und schnell angelte ich es heraus.

Leider war ich schon wieder in der netzfreien Zone und konnte den Anruf nicht entgegennehmen. Schnellen Schrittes ging ich weiter, um wieder Netz zu haben. Endlich war es so weit und ich rief zurück. Christine ging sofort ran und berichtete mir, dass sie ein kleines Schwein erlegt hätte und fragte, ob ich zu ihr kommen könnte, um beim Bergen zu helfen.

Also ab zum Auto und zu ihr gefahren.

Sie stand am Eingang des Pirschweges und wartete auf mich. Ich freute mich sehr für sie, hatte sie immerhin Erfolg, wenn auch nicht den erhofften.

Ich öffnete die Heckklappe und holte unseren Bergegurt raus. Christine meinte ich solle ruhig noch einen weiteren Gurt mitnehmen, dann wäre es doch zu zweit leichter. Ich dachte mir, was für ein Aufwand für einen Frischling, aber hörte brav auf sie.

Nun wollte ich aber hören, wie es zum Waidmannsheil kam.

Bereitwillig erzählte sie mir vom ersten Anblick eines Schweines und dass dieses wohl eine halbe Stunde später aus der Dickung kam und spitz auf sie zuzog. Keine 15 m vor der Leiter drehte es sich ein und stellte sich breit. Diese Gelegenheit nutze sie und schoss. Die Sau drehte zurück zur Dickung und kam nach kurzer Flucht hinter einer kleinen Fichte zur letzten Ruhe.

Ich freute mich sehr für Christine und wünschte schon mal eine dickes Waidmannsheil.

Inzwischen kamen wir auch schon an den Ort des Geschehens, jedoch konnte ich noch kein Schwein sehen. Christine ging vor zur kleinen Fichte und ich folgte ihr. Da schimmerte es schon schwarz und ich blickte mich noch einmal um zur Leiter, welche wirklich keine 20 m entfernt stand.

Nun kam ich an das Stück und mein Mund öffnete sich und verblieb in dieser Starre. Was ich da liegen sah, war alles andere, aber keine kleine Sau.

Ein Blick zu Christine ließ mich ein sehr breites Grinsen und ein Augenzwinkern erkennen, begleitet von den Worten: „Das ist mal ein Frischling, was?“

Direkt am Stück sah ich gewaltige Hauer und Haderer und einen hochkapitalen Keiler, welcher geschätzt 100 kg haben musste.

Meine Freude war so groß und mein Erstaunen so gewaltig, dass ich Christine erst einmal in den Arm nahm und ihr noch einmal mein Waidmannsheil wünschte. Was für ein unglaubliches Schwein, solche sieht man in der an Äsung kargen Eifel eher selten.

Nun ging es ans Bergen und nun machte auch der zweite Gurt durchaus Sinn. Zum Glück konnte wir den Bassen hangabwärts ziehen und gelangten nach beschwerlichen 300m an einen Fahrweg.

Dort legten wir den Keiler ab und begaben uns zum Auto. Nach kurzer Zeit war er verladen und es ging zur Kühlkammer. Aufgebrochen waren es 83 kg, was der gerade hinter uns liegenden Rauschzeit geschuldet war.

Bereits vor dieser Zeit, im November, konnte Christine diesen Keiler auf der anderen Seite der Dickung einmal filmen, natürlich war auch er außer Reichweite. Auf diesem Video hatten wir ihn damals schon auf über 100 kg geschätzt.

Der letzte Ansitz im Januar war also von einem großartigen Erfolg gekrönt, war es auch nicht der erhoffte Hirsch. Aber solch einen Keiler bei bestem Licht zu erlegen, ist mit Sicherheit kaum zu wiederholen und einem Hirsch mehr als ebenbürtig.

Die Ausdauer, der Wille und die Beharrlichkeit wurden also belohnt und dass das Glück mit dem Tüchtigen ist, wurde wieder einmal bestätigt.


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